DIE LEBER

DIE LEBER
Das unterschätzte Organ

Unsere Kraftzentrale im Oberbauch hat viel zu tun, aber sie kann sich – mit ein wenig Hilfe – gut regenerieren. Warum es sich lohnt, der Leber mehr Aufmerksamkeit zu schenken.
Text: Jessica Pankoke

Die Leber? Ach, hier geht es um Alkohol?« So reagieren viele Menschen, wenn die größte Drüse des Körpers im Fokus steht. Dabei geht es in Wirklichkeit um viel mehr. Alkohol ist nur ein Stoff, der dem Organ zusetzt. »Aufklärung zur Lebergesundheit ist für jeden wichtig«, sagt Simone Widhalm, Medizinerin und Initiatorin der Kampagne »Leber heißt Leben« (www.leber-heisstleben.de). »Viele Menschen gehen offenbar davon aus, dass die Leber vor allem dazu da ist, Alkohol abzubauen. Geht es um Lebergesundheit, hört derjenige, der ein schlechtes Gewissen wegen des ein oder anderen Gläschens zu viel hat, sowieso lieber weg«, so die Expertin.

Der Schlüssel zum Wohlbefinden
Was meist nicht bewusst ist – die größte Drüse des Körpers ist für viele seiner Funktionen wesentlich mitverantwortlich. Darunter auch das allgemeine Wohlbefinden sowie die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit. Rund 500 verschiedene Stoffwechselvorgänge starten gleichzeitig in der Leber. In den Zellen werden Eiweiße wie Blutplasmaproteine und Gerinnungsfaktoren, aber auch Gallensäuren und Cholesterin hergestellt. Vitamine, Eisen und Glykogen, die Speicherform der Kohlenhydrate, werden auf Vorrat deponiert. Neben den Nieren ist die Leber das wichtigste Ausscheidungsorgan. Cholesterin, Gallensäuren, aber auch Medikamente und Gifte werden verstoffwechselt. Und sogar an der Immunabwehr ist das 1,5 Kilogramm schwere Organ beteiligt. »Abgesehen davon, dass die Leber als Kraftwerk unseres Körpers beim Stoffwechsel eine zentrale Rolle spielt, gibt es auch eine Verbindung zu Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen«, erklärt Simone Widhalm. »Wer eine Fettleber hat, entwickelt deutlich häufiger einen Typ-2-Diabetes. Wird aus einer Fettleber eine Fettleberhepatitis, also eine Entzündung, erhöht sich gleichzeitig das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.«

Nicht um sonst laute ein Leitsatz der Pathologen: »Erst die Leber, dann das Herz.« Meist arbeitet unsere Stoffwechselzentrale still vor sich hin und wächst im wahrsten Sinne des Wortes mit ihren Aufgaben. Zwar gibt es körperliche Signale, die auf eine Belastung hindeuten können. »Typische Symptome sind leider auch untypisch«, sagt die Expertin, »Hinweise können aber ein Druckgefühl im rechten Oberbauch, Müdigkeit, Konzentrationsstörungen, häufige Gereiztheit oder schlechte Laune sein. Der Volksmund spricht von ›der Laus, die einem über die Leber gelaufen ist‹.« Auch Schlafprobleme, Schwindel, Schwäche, Blutungen, Hautausschläge, Durchfall, Übelkeit, Gelenk- oder Muskelbeschwerden, Haarausfall oder Juckreiz gehören zum Potpourri der möglichen Beschwerden.

Volksleiden Fettleber
Rund ein Drittel der Erwachsenen in Deutschland hat eine durch Fetteinlagerung vergrößerte Leber – und die Zahl nimmt stetig zu. Auch bereits jedes dritte übergewichtige Kind leidet an dieser Krankheit, die in drei Stufen verläuft. Im ersten Stadium handelt es sich um eine reine Fettleber ohne entzündliche Reaktionen. In der zweiten Stufe, die jeder zweite Betroffene durchläuft, zeigt die Leber bereits entzündliche Reaktionen. In der dritten, die noch circa zehn Prozent der Fälle umfasst, entwickelt sich aus der Hepatitis über eine Leberfibrose (Umbau der Leber) eine Leberzirrhose (Schrumpfleber). Auch Krebstumore der Leberzellen gehören zu den möglichen Folgeerkrankungen. Eine schlechte Ernährung und ein allgemein ungesunder Lebensstil setzen dem Organ heute mehr denn je zu. Die Diagnose einer nicht alkoholischen Fettleberhepatitis (NASH) ist mittlerweile die häufigste chronische Lebererkrankung in Europa und den USA. Die Ursachen: vor allem Bewegungsmangel sowie eine sehr zuckerund fettreiche Ernährung. Besonders Fruchtzucker wirkt sich ungünstig auf den Stoffwechsel aus. Fruktose wird zu etwa 90 Prozent von der Leber herausgezogen und unter hohem Energieverbrauch verstoffwechselt. In höherer Dosis ist sie ein unmittelbarer Stimulator der Fettsynthese in der Leber, dies bestätigen epidemiologische Studien. Bei Kindern konnte sogar gezeigt werden, dass die kurzfristige Einschränkung der Fruktoseaufnahme zu einer raschen Verbesserung der Fettleber führte. Und das ist die positive Nachricht: Eine Fettleber, sogar eine Fettleberhepatitis, kann sich zurückbilden – vorausgesetzt, Betroffene ändern ihren Lebensstil. »Übergewicht vermeiden, sich ausgewogen ernähren und regelmäßig bewegen, das sind die wichtigsten Punkte, die zu einem lebergesunden Lebensstil gehören«, sagt Simone Widhalm, »und natürlich: Alkohol nur in Maßen genießen.«

Die Leber ist die Energiezentrale des Körpers.

Entlasten, entgiften, stärken Bei einer Fettleber geht man davon aus, dass oft schon eine Gewichtsreduktion von nur fünf Kilogramm hilft, die Leber zu entfetten und ihre Funktion zu normalisieren. Doch eine allzu harte Diät birgt auch Risiken. »Abnehmen ist bei Übergewicht ratsam«, sagt Simone Widhalm, »doch dabei gibt es einiges zu beachten, z. B. ob mögliche Leber- oder Grunderkrankungen vorliegen. Die überflüssigen Fettdepots, die bei einer Diät abgebaut werden, müssen schließlich auch von der Leber verstoffwechselt werden.« So könne auch das an sich gesunde Fasten das Organ belasten. »Fasten ist nicht gleich Fasten«, so die Expertin. »Bei einer Kur mit sehr niedriger Kalorienzufuhr wie dem Heilfasten wird oft ein Wickel gemacht, um die Leber zu durchbluten und zu entlasten.« Zum intermittierenden oder Intervallfasten haben Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums und des Uni-Klinikums Heidelberg mit der HELENAStudie, der bislang größten Untersuchung zum Intervallfasten, spannende Daten publiziert. Demnach sei es zum Abnehmen und zur Förderung der Gesundheit nicht besser als andere Diäten. »Beim Intervallfasten lernt man nicht unbedingt, gesünder zu essen. Aber genau darauf kommt es ja langfristig an«, so Widhalm. Ihre Empfehlung lautet: Wer abnehmen möchte, sollte im Zweifel seinen Hausarzt fragen, was es individuell zu beachten gibt. »Ob man Risikofaktoren für eine Lebererkrankung hat, lässt sich übrigens gut prüfen«, sagt Widhalm. »Die Patientenorganisation ›Deutsche Leberhilfe e. V.‹ bietet einen anonymen Test.« Diesen gibt es unter www.lebertest.de. Das Ergebnis wird dann durch Empfehlungen für einen gesunden Lebensstil, Therapiemöglichkeiten oder Beratungsangebote ergänzt.

Lebergesund essen
Gesunde Ernährung ist übrigens eine der wichtigsten Soforthilfen für die Leber. Gesüßte Getränke, viele gesättigte Fette, weißmehl- und zuckerreiche Produkte gilt es eher zu meiden. Reichlich dürfen dagegen Gemüse, Hülsenfrüchte und Vollkorngetreide wie z. B. Hafer auf den Speiseplan. Sie liefern komplexe Kohlenhydrate und viele Ballaststoffe. Auch Fette sind wichtig. Einfach ungesättigte Pflanzenöle aus Oliven oder Raps erhöhen das gute HDL-Cholesterin im Körper. Omega-3-Fettsäuren, z. B. aus Leinsamen, Algen oder Walnüssen, wirken antientzündlich und verbessern die Insulinempfindlichkeit des Körpers. Ein weiterer Faktor bei der Entstehung einer Fettlebererkrankung ist oxidativer Stress. Mit bioaktiven Pflanzenstoffen aus Obst, Gemüse, Kräutern, Salaten und Gewürzen kann man ihm entgegenwirken.

Pflanzenstoffe und Heilanwendungen
Der naturheilkundliche Ansatz liegt vor allem in der Unterstützung des Leberstoffwechsels, beispielsweise durch heilsame Anwendungen und Pflanzenstoffe. Es gilt, den Gallenfluss anzuregen und die Verdauung zu fördern, denn Leber und Darm stehen in einem engen Zusammenhang. Gemüse und Kräuter liefern eine große Bandbreite an sekundären Pflanzenstoffen wie z. B. den Bitterstoffen. Diese fördern die Produktion der Verdauungssäfte bereits über den Geschmackssinn. Pflanzenstoffe, z. B. aus der Artischocke, können die Lebertätigkeit unterstützen (siehe Seite 20). Da sich die Leber zudem gut durch Wärme und Ruhe unterstützen lässt, sind Leberwickel eine lohnende Maßnahme. Die kleine Entspannungseinheit tut übrigens auch der Seele gut. Sie werden sehen, Wellness für die Leber macht nebenbei auch noch schön – und zwar von innen heraus.

In der Natur ist uns alles gegeben, was wir zum Schutz der Gesundheit brauchen.“Hippokrates von Kos, Arzt der Antike“

QUELLE: Bild&Text – Natürlich Magazin | Ausgabe 01/2019

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